Restauro – Zeitschrift für Konservierung und Restaurierung (Heft 4 2019)
Dennis Jetter2026-08-23T15:56:13+02:00Einen Baumarkt der ganz besonderen Art gibt es in Kirchheim/Teck bei Stuttgart. Die Firma Kreislauf bietet bis zu 500 Jahre alte Baumaterialien, die zum Teil in letzter Minute vor der Abrissbirne bewahrt und teilweise restauriert wurden – präsentiert im passenden Ambiente: einem denkmalgeschützten Fabrikgelände um 1890.
„Kreislauf – Historische Baustoffe“ residiert in einem historistischen Fabrikgebäude im baden-württembergischen Kirchheim/Teck und bietet dort auf gut 2.000 Quadratmetern geborgene Baustoffe an.
Im Umgang mit Haushaltsabfällen, Altkleidern und Sperrmüll sind Begriffe wie Recycling und Upcycling längst eine Selbstverständlichkeit geworden. Wird jedoch ein altes Haus abgerissen, sind es nicht nur tonnenweise Rohstoffe, die ungefiltert auf dem Müll landen, sondern oft auch wahre Schätze der Handwerkskunst oder bauhistorische Raritäten, nach denen doch so mancher Besitzer eines denkmalgeschützten Hauses händeringend sucht. Dieser Umstand trieb den mit vielen Denkmalpflege-Projekten betrauten Architekten Wolfgang Bloos so lange um, bis er schließlich eine Idee hatte: Wenn man wiederverwertbare Bestandteile eines Abbruchhauses bergen würde – vom Biberschwanzziegel bis zur hölzernen Füllungstür –, könnte man manche Kostbarkeit retten, einem neuen Leben zuführen und gleichzeitig Unmengen Bauschutt vermeiden.
Seit dieser grundlegenden Überlegung sind 21 Jahre vergangen, und aus der Idee hat sich „Kreislauf – Historische Baustoffe“ entwickelt, ein florierendes Unternehmen, das standesgemäß in einem historistischen Fabrikgebäude im baden-württembergischen Kirchheim/Teck residiert und dort auf gut 2.000 Quadratmetern geborgene Baustoffe anbietet: Zäune und Scheunentore, Steintröge und Parkettdielen, Fensterläden, historische Fliesen und Beschläge, Treppengeländer und Haustüren.
Längst verfügt die Firma über ein weit verzweigtes Netzwerk an Restauratoren, Denkmalpflegern und einschlägigen Architekten, die bei historischen Bauten Bedarf an authentischen Materialen haben. Auch mit vielen Abbruchunternehmen steht die Firma im ständigen Kontakt – sie geben Bescheid, sobald sie mit dem Rückbau oder Abriss eines älteren Gebäudes betraut sind. „Für uns sind Baumaterialien bis etwa in die 50er-Jahre des 20. Jahrhunderts interessant“, erklärt Julian Bloos (32), der den ungewöhnlichen Baustoffhandel gemeinsam mit seinem Bruder David (38) vor zwei Jahren vom Vater übernahm. „Ab etwa 1955, 1960 dann waren die Materialien, die beim Hausbau eingesetzt wurden, handwerklich nicht mehr so aufwendig gearbeitet, bald hielt auch der Kunststoff Einzug auf den Baustellen.“ Sind es dagegen jahrhundertealte Gehöfte, Gründerzeit-Bürgerhäuser oder Jugendstilvillen, die einem modernen Bau weichen sollen, sind die Brüder Bloos Feuer und Flamme. „Im Kloster Untermarchtal (Baden-Württemberg) zum Beispiel wurde ein Wohngebäude aus den 20er-Jahren abgebrochen – dort haben wir wunderbare Dinge entdeckt – Türen, Fenster, Bodendielen, Beschläge aus Messing.“
Wie vielfältig die Schätze sind, die die Brüder Bloos in alten Häusern entdecken – im Großen wie im Kleinen –, lässt sich beim Rundgang durch ihre Ausstellungsräume oder auch bereits bei einem Blick auf ihre Internetseite entdecken: Da gibt es Intarsienarbeiten aus der Jugendstilzeit und eine elegante Deckenleuchte im 50er-Jahre-Schick, Glasbausteine von Falconnier, entstanden um 1900, oder handgestrichene Feierabendziegel mit unterschiedlichsten Dekoren – solche besonderen Ziegel wurden nur gefertigt, bis im 19. Jahrhundert die Ziegelherstellung industrialisiert wurde. Besonders stolz sind David und Julian Bloos auf diverse Fetzentüren aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. „Um so etwas zu gestalten, gäbe es heute gar keine Handwerker mehr“, weiß Julian Bloos.
Ihre Materialien finden die beiden Brüder mittlerweile in ganz Deutschland, bisweilen sogar in den Nachbarländern. Nicht selten sind solche Reisen mit überraschenden Entdeckungen und abenteuerlichen Aktionen verbunden – zum Beispiel als eine mehr als 500 Kilo schwere antike Badewanne der britischen Marke Twyford per Kran aus einer Jugendstilvilla gehievt wurde.
Die Nachfrage nach derlei besonderen Objekten, aber auch generell nach historischen Originalen und Materialien mit Geschichte stieg gerade in den letzten Jahren stetig an. „Wir bemerken einen Mentalitätswechsel“, erzählt Julian Bloos, der im Betrieb mitarbeitet, seit er 16 wurde. „Vor 15 Jahren gab es eher den Trend, Dinge neu machen zu lassen. Heute haben wir neben den Eigentümern historischer Bauten auch viele Kunden, die das Alte und die darin eingeflossene Handwerkskunst zu schätzen wissen.“ Wobei das Kernklientel nach wie vor aus denen besteht, die aufgrund denkmalpflegerischer Auflagen auf stilgerechte Materialien zurückgreifen müssen. Ihnen steht auch ein Netzwerk an Restauratoren zur Verfügung, auf das „Kreislauf – Historische Baustoffe“ bei Bedarf zurückgreifen kann. Denn angeboten werden sämtliche Objekte zwar gereinigt und von Fremdstoffen befreit, ansonsten aber unrestauriert in dem Zustand, in dem sie auch geborgen wurden. Insofern haben vor allem echte Raritäten, die im Anschluss noch restauriert werden müssen, in der Summe auch hier ihren Preis. „Trotzdem“, sagt Julian Bloos, „kommt eine historische Holzhaustür, die bei uns gekauft und anschließend aufgearbeitet wird, nur ungefähr halb so teuer, als wenn man sie neu anfertigen ließe – und der Kunde bekommt ein echtes Original, und kein Imitat.“

