SWR Kultur Radio – „Gast vor Acht“ (25.04.2025)

SWR Kultur Radio | „Gast vor Acht“ (Sendung vom 25.04.2025)

Teil 1

**Moderator:** Und heute sind es gleich zwei Gäste, nämlich die Brüder David und Julian Bloos aus Kirchheim unter Teck. Sie betreiben den wahrscheinlich ungewöhnlichsten Baumarkt im Südwesten, wenn nicht sogar bundesweit. Sie verkaufen ausschließlich Material aus Abbruchhäusern: Türen, Nägel, Beschläge, Fenster – Dinge jedenfalls, die gerne auch mal 100, 150 Jahre und älter sein können. Hallo David und Julian Bloß, schön, dass Sie heute Abend bei uns sind.

**Julian und David Bloos:** Ja, hallo. Hallo!

**Moderator:** Es war ja gar nicht so einfach, einen Termin mit Ihnen zu finden, weil Sie so oft auf Streifzügen nach neuen alten Dingen sind. Erzählen Sie doch mal: Was haben Sie denn diese Woche zuletzt aufgetrieben?

**Julian Bloos:** Diese Woche? Tatsächlich was Besonderes, auch was Einzigartiges. Und zwar haben wir diese Woche aus Leipzig, aus einem Nachlass, eine wunderbare, schöne alte Theater- und Bühnenleuchte ergattert. Eine Bühnenleuchte so aus den 40er Jahren, aus der Vorkriegszeit – also wirklich was durchaus Besonderes. Da waren wir sogar in Leipzig.

**Moderator:** Und wie finden Sie insgesamt diese Häuser, aus denen Sie dann die Baustoffe bergen können? Gibt es da Hinweise im Internet oder kommen vielleicht sogar die Eigentümer dieser Häuser auf Sie zu?**

David Bloos:** Ja, also im Grunde sind die Wege vielseitig, die letztlich dazu führen, dass wir historische Baumaterialien erhalten oder bekommen. Wir sind jetzt auch schon seit vielen Jahren im Geschäft und haben auch aufgrund von vielen Kontakten auch ein sehr, sehr großes Netzwerk aufgebaut. Das heißt, wir bekommen aufgrund des Netzwerks auch sehr, sehr viel angeboten. Wir müssen dann auch hier selektiv in Kirchheim die Dinge für uns filtern und aussortieren. Und wenn es sich dann um so besondere Dinge wie jetzt bei dieser Theaterleuchte handelt, dann setzen wir uns auch durchaus mal ins Auto und nehmen dann auch mal längere Wegstrecken auf uns. Aber vorwiegend sind wir natürlich hier im süddeutschen Raum unterwegs, einfach auch um die Entfernungen nicht zu weit werden zu lassen.

**Moderator:** Die Theaterleuchte ist natürlich jetzt was wirklich Außergewöhnliches. Wenn man jetzt so an Türen oder Fenster denkt: Wissen Sie da vorher auch immer genau, was Sie aus welchem Haus dann wo mitnehmen können, oder ist es manchmal auch eher so ein Zufall, auf was Sie dann da so stoßen?

**Julian Bloos:** Ja, sowohl als auch tatsächlich. Also wir bekommen Dinge angeboten, wirklich ganz klassisch über Telefon oder über Bildmaterial dann über die E-Mail. Da fangen wir im Grunde schon an vorzuselektieren, zu schauen: Ist da was dabei, was uns interessiert oder was nicht? Wägen dann auch dadurch ab, ob wir tatsächlich zu einem Vorort-Termin, zu einer Besichtigung gehen. Und da stellt sich dann aber oft auch raus, dass tatsächlich ja viel mehr als nur die vorab zugeschickten Bilder für uns infrage kommt. Da läuft man dann vielleicht doch mal an einem alten Blumenregal oder doch mal an schönen Mauerabdecksteinen vorbei, die davor mal nicht fotografiert worden sind oder uns angeboten worden sind, die wir dann eben doch vor Ort bei der Besichtigung sehen. Und dann kriegen wir mit: Ach, das wäre erhaltenswert, das lohnt sich tatsächlich – und dementsprechend bergen wir dann das Material.

**Moderator:** Wir haben den Baumarkt in Kirchheim unter Teck jetzt ja schon mehrfach angesprochen. Ihr Geschäft befindet sich in einer alten Schraubenfabrik. Nehmen Sie uns einfach mal mit: Was sieht man da als Erstes, wenn man da reinkommt?

**David Bloos:** Also wie gesagt, genau, wir befinden uns in einer alten, ja, denkmalgeschützten Fabrikanlage, die aus dem Jahr 1898 stammt. Im Grunde kann man es sich vorstellen als Industriebau mit einer großzügigen Freifläche vor dem Gebäude. Und wir haben sowohl im Innen- als auch im Außenbereich circa 2.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche, die natürlich längst gefüllt sind mit vielen, vielen Dingen rund um das Thema Haus und Garten. Also wir haben im Grunde ja auch zusätzlich noch gefüllte Lager an Material, die wir dann noch integrieren müssen in die Ausstellungsflächen.
Und der Kunde findet im Prinzip bei uns, ja wie schon gesagt, alles zum Thema Haus und Garten. Wir bieten historische Bauelemente an aus den vergangenen vier Jahrhunderten – angefangen von einem kleinen geschmiedeten Nagel bis hin zu ja, kompletten Zaunanlagen, bis hin zu Treppenanlagen zum Beispiel, also auch wirklich großvolumige Objekte. Und der Kunde, der zu uns kommt, der verbringt auch meist sehr viel Zeit bei uns. Also wir haben auch schon Kunden gehabt, die haben tatsächlich dann auch in Kirchheim übernachtet und haben ihren Besuch auf zwei Tage verteilt. Solche Dinge erleben wir auch und freuen uns dann auch. Und wir haben auch viele Kunden aus dem nahen Ausland, möchte ich mal sagen – aus der Schweiz besuchen uns Kunden, aus Österreich, aber auch aus Frankreich und Italien.

**Moderator:** Das heißt also, die Kunden, die zu Ihnen kommen, die lassen sich auch einfach mal inspirieren, lassen sich überraschen. Die haben gar nicht vorher so einen Plan, dass sie sagen: „So, ich möchte jetzt zwei Türen, zwei Fenster und ein paar Beschläge irgendwie für eine Treppe haben.“

**Julian Bloos:** Ja, da muss man auch sagen, da gibt es beides tatsächlich. Also wir haben Kundschaft, die kommt mit einem ganz konkreten Gesuch zu uns, die haben ganz klare Vorstellungen, was sie benötigen, was sie brauchen. Die kommen dann mit eigenen Zeichnungen, eigenen Skizzen, mit natürlich mit Maßen, vielleicht auch mal Bilder aus dem Internet, wo sie mal irgendwas gesehen haben. Aber es gibt da aber auch die Kunden, die lassen sich einfach inspirieren, die finden die Idee gut, kommen vorbei, holen sich Inspiration und finden dann im Grunde Zugang zu den historischen Baumaterialien. Wir haben auch viele Dinge, die im Grunde einfach auch zweckentfremdet werden. Also die Türe muss nicht nur ursprünglich auch wieder zur Türe umfunktioniert werden, sondern die wird auch mal zu einem Tisch oder zu einer Garderobe, oder die alte Bodendiele wird mal eine Theke oder eine Gartenbank. Also es ist ganz, ganz unterschiedlich bei uns.

**Moderator:** Tja, das hat alles einen familiären Hintergrund, und über den sprechen wir gleich nach Musik von H&H Berg aus Norwegen. Sie sind mit „All I’ve Got“ in SWR Kultur am Abend.

Teil 2

**Moderator:** Julian und David Bloos sind unsere Gäste vor acht heute an diesem Freitagabend hier in SWR Kultur. Die Brüder betreiben einen Baumarkt für historische Baustoffe in Kirchheim unter Teck in Baden-Württemberg. Und der hat inzwischen Familientradition. Gegründet hat ihn der Vater der beiden Ende der 1990er Jahre, Wolfgang Bloos, hauptberuflich Architekt, aber Abbruchhäuser ausgeräumt und die Sachen aufgehoben – das hat er schon vorher, richtig?

**David Bloos:** Das ist richtig, das ist korrekt. Also begonnen hat die Firmierung Kreislauf Ende der 90er Jahre. Der Vater als Architekt mit dem Fokus im Altbau hat irgendwann mal angefangen während seiner Berufstätigkeit historische Bauelemente zu sammeln, um die eben in seine Projekte integrieren zu können. Das heißt klassisch Türen, Fenster, mal eine Treppe. Und hat dann relativ schnell festgestellt, dass er nie zum richtigen Zeitpunkt das passende Objekt auf Lager hatte, weil als Lager gab es damals noch nicht wirklich eines, sondern es war mehr ein Fundus bestehend aus einer Handvoll Objekten. Und so hat er irgendwann mal beschlossen in einem zweiten Schritt proaktiv sich auf die Suche zu machen und hat dann eben gezielt bei Renovierungen, bei Sanierungen oder auch bei Abbrüchen nach historischen Baumaterialien Ausschau gehalten und hat die klassisch gesammelt. Wir haben dann auch angefangen – das war so ein bisschen ein zweites Standbein – solche Dinge auch auf Handwerkermärkten zu verkaufen, als kleinere Gegenstände auch auf Flohmärkten zu verkaufen, und haben dann in einem dritten Schritt tatsächlich eine Firma gegründet in diesem denkmalgeschützten Fabrikgebäude und haben dann im Grunde diesen Fundus immer größer werden lassen. Wir haben dann aber auch nach weniger Zeit feststellen müssen, dass selbst 2.000 Quadratmeter ziemlich schnell gefüllt werden könnten.

**Moderator:** Also die Grundlage hat schon Ihr Vater gebildet. Wie war das denn für Sie als Kinder, so durch Ruinen zu stapfen dem Papa hinterher? War das aufregend oder eher unheimlich?

**Julian Bloos:** Also aufregend und unheimlich zugleich, ganz sicher. Aufregend in der Hinsicht, dass man einfach nicht wusste, was einen erwartet. Man ist tatsächlich in alte Häuser, teilweise auch wirklich Ruinen gegangen, hat dann geschaut, was an möglichen Materialien wir bergen und rausholen können. Gleichzeitig beim Bergen – ich denke da zum Beispiel an Bodendielen, die wir mal geborgen haben zwischen den Sparren, die dann freigesetzt worden sind – auch tatsächlich alte Munition zu finden aus dem Zweiten Weltkrieg. Dann wurde es tatsächlich auch unheimlich, weil man nicht wusste: Was macht man jetzt damit? Handgranate – schnell aus dem Haus raus, dementsprechend Polizei rufen. Also da wurde es dann auch mal unheimlich in solchen Situationen. Von dem her würde ich sagen, dass eigentlich unheimlich und aufregend beides völlig zutrifft.

**Moderator:** 2018 haben Sie dann ja das Geschäft von Ihrem Vater übernommen gemeinsam. Was hat sich seitdem verändert?

**David Bloos:** Es hat sich vieles verändert natürlich im Laufe der Zeit, wobei diese verändernden Marktbedingungen natürlich nicht nur uns tangieren oder treffen. Vom Grundsatz her ist das Internet als solches ist natürlich immer wichtiger und bedeutsamer geworden, sowohl auf der Seite des Materialeinganges, aber natürlich auch auf der Seite des Verkaufes. Das heißt, wir haben damals ziemlich schnell auch die Notwendigkeit von einem sehr gut funktionierenden Webshop für uns als sehr wichtig erachtet, weil wir festgestellt haben, dass natürlich diese Wiederauffindbarkeit von unseren Kunden sich nicht nur auf das Regionale beschränkt, sondern wir haben neulich wieder mal festgestellt, dass drei von vier Kunden gar nicht persönlich zu uns kommen und sich die Dinge bei uns persönlich anschauen, sondern dass wir einen sehr großen Einzugsbereich, ein großes Einzugsgebiet haben und man bekommt ja mittlerweile mit Speditionen auch alles verschickt. Insofern war das Medium Internet für uns damals ein sehr Bedeutsames. Und es hat sich auch tatsächlich ein bisschen in der Richtung verändert, dass wir diese Besichtigung natürlich auch nicht mehr regional hatten. Das heißt, die Wege, die wir am Anfang beschrieben hatten, die wurden dann auch immer länger, sodass wir auch viel in der Schweiz unterwegs sind, aber auch in Frankreich unterwegs sind. Wir haben Türen aus Italien zum Beispiel. Das war sicherlich in der Anfangszeit von unseren Eltern noch ein bisschen anders, da war das Einzugsgebiet eher regional und mittlerweile sind wir hier – oder müssen hier tatsächlich auch – international sein.

**Moderator:** Und wenn man so durch die Häuser streift, bleibt man da auch immer ein Stück weit Kind? Gerade vor dem Hintergrund dessen, dass Sie ja früher mit Ihrem Vater da auch schon unterwegs waren.

** David Bloos:** Ein Stück weit schon. Und diese Begrifflichkeit „Lost Places“, was es sicherlich in der Bedeutung damals vor über 20 Jahren noch nicht gab, was jetzt heute ein bisschen ein Modethema geworden ist – das haben wir schon seit der Kindheit. Und wenn wir jetzt auch in unserem fortgeschrittenen Alter noch verlassene Bauten, seien es Wohngebäude oder auch Industriegebäude betreten, dann überkommt uns natürlich immer so ein gewisses Abenteuergefühl. Die Tätigkeit begleitet uns an der Stelle. Und uns ist immer bewusst, dass die Dinge, die wir bergen, dass deren Besitzer vermutlich tot sind, aber wenn die Bauelemente noch Geschichten erzählen könnten, dann wären die sicherlich sehr interessant, weil wir teilweise auch Dinge haben, die vier, fünf Generationen hinweg Bestand hatten, die vielleicht auch zwei Weltkriege überlebt und überdauert haben. Und das macht dann schon ein Stück weit auch ehrfürchtig und lässt dem Objekt auch eine gewisse Bedeutung zukommen.

**Moderator:** Julian und David Bloos aus Kirchheim unter Teck waren heute unsere Gäste vor acht hier in SWR Kultur am Abend. Die beiden betreiben einen Baumarkt für historische Baumaterialien. Vielen Dank, dass Sie heute Abend bei uns waren und natürlich weiterhin viel Erfolg in Kirchheim unter Teck.

**Julian und David Bloos:** Vielen Dank fürs Interesse.