SWR Kultur Radio – „Matinee“ (19.04.2026)

SWR Kultur Radio | „Matinee“ (Sendung vom 19.04.2026)

Rettung historischer Baustoffe: Zu Besuch im Kreislauf-Baumarkt

**Moderator:** Wir stehen vor einem dreistöckigen Haus in Plochingen. Es sieht verlassen aus. Der Putz blättert von der Fassade, neben dem Eingang die Inschrift: 1554.

**David Bloos:** Eines der ältesten Gebäude hier in Plochingen und deswegen bin ich mehr als gespannt heute.

**Moderator:** …sagt David Bloos. Fast andächtig tritt er über die Schwelle. Mit dabei sein Vater, Wolfgang Bloos, der sich interessiert umschaut.

**Wolfgang Bloos:** Wir haben hier mit diesem Haus einige große Überraschungen, muss man sagen. Gerade hier im Wohnbereich haben wir eine enorme Raumhöhe. Eine enorme Raumhöhe, die man im Fachwerkhaus nicht vermuten würde. 2,60 Meter vielleicht, 2,70 Meter. Und das deutet natürlich auf einen guten, gefüllten Geldbeutel des Erbauers hin.

**Moderator:** Mit anderen Worten: Die Chancen stehen gut, dass hier nicht gespart wurde. Stattdessen hochwertige Materialien vor langer Zeit verbaut wurden. Vater und Sohn gefallen zum Beispiel die Türen im ersten Stock – Türen mit Ornamentglas.

**David Bloos:** Die Gläser, die ich jetzt in dem Fall mir genauer anschaue, sind alle intakt. Man sieht hier zum Beispiel die Ätzgläser sind alle noch unbeschädigt, aber auch die hochwertigen Überfanggläser in Buntglas. Und wir hoffen, dass wir diese Türen dann auch in geraumer Zeit bergen können.

**Moderator:** Denn das ist das Konzept von „Kreislauf“. Wird ein Haus abgerissen oder auch nur beispielsweise das Innere von Grund auf saniert, dann fällt eine Menge Bauschutt an, der in der Regel auf der Deponie landet. Das aber wollen David Bloos und sein Vater vermeiden. Ihre Mission: historische Baumaterialien retten. Gern auch die Türen in Plochingen.

**David Bloos:** Die sind über 100 Jahre alt und auf jeden Fall erhaltenswert. Das heißt, es gingen schon einige Generationen durch diese Türen. Und wir versuchen eben, diese Türen zu erhalten, um vielleicht auch nachfolgenden Generationen die Möglichkeit zu geben, wieder durch diese Türen zu gehen.

**Moderator:** Doch wer hat Interesse an so einer Tür? Wie bringt man sie – vorausgesetzt, die Tür darf irgendwann ausgebaut werden – an einen neuen Besitzer? Hier kommt der Baumarkt für historische Baustoffe „Kreislauf“ ins Spiel. Er befindet sich in einer denkmalgeschützten Fabrik in Kirchheim unter Teck und ist eine Fundgrube für Menschen wie Nicola Jelinek.

**Nicola Jelinek:** Ich bin gerade am Renovieren und Sanieren von unserem alten Haus von 1911. Und da war ich auf der Suche spezifisch nach einem alten Türblatt und das wollte ich zu einer Schiebetüre umbauen.

**Moderator:** Jetzt hätte ich gedacht, Sie sind Schreinerin, da macht man sich eine eigene Tür. Und trotzdem wollen Sie lieber die alte haben?

**Nicola Jelinek:** Ja, es ist so eine bunte Mischung bei uns zu Hause. Also, ich habe auch viele Möbel selber gemacht und auch eine Türe selber gebaut, aber ich mag den Kontrast zu alt und neu. Und da darf dann auch so ein Unikat da hängen.

**Moderator:** Ein anderer Kunde ist Jürgen Bitzenauer. Er kommt aus dem nahegelegenen Reichenbach an der Fils und ist stolzer Besitzer einer Villa aus dem Jahr 1902 – und Stammkunde. Mal benötigt er ein Ersatzteil für ein altes Türschloss, mal eine ganze Treppe oder auch Bodendielen aus edlem Pitchpine-Holz. Das Pitchpine, das Sie hier erstehen könnten, hat ja eine Vergangenheit. Da sind schon Leute drübergegangen. Stört Sie das, dass es nicht extra für Sie ganz frisch aus dem Wald kommt oder aus dem Sägewerk?

**Jürgen Bitzenauer:** Überhaupt nicht, überhaupt nicht. Sonst hätte man kein so ein altes Haus kaufen dürfen. Nee, das ist ja gerade die Charakteristik. Sowohl das Haus als auch die Böden haben eine Geschichte und die Geschichte erzählen sie. Und wichtig ist, wenn Sie so ein altes Haus haben wollen wie wir, haben, dass Sie da sich reindenken oder reinhören.

**Moderator:** Der Baumarkt von David Bloos, er bietet Fenster, Treppen und sogar sogenannte Fetzentüren aus einer italienischen Burg. Aber auch Wasserhähne, Bakelitschalter und Hängelampen. Wie behält man den Überblick bei Baustoffen aus vier Jahrhunderten? Wie schafft man es, dass man nicht irgendwann untergeht, die geretteten Baustoffe überhandnehmen? David Bloos und sein Team fotografieren jeden Artikel, geben ihm eine Nummer und einen kleinen Steckbrief mit den wichtigsten Informationen. Dazu kommt die Ordnung im Baumarkt. David Bloos zeigt auf einen Gang mit Türen.

**David Bloos:** Wir haben die nach Thema sortiert. Also, wir haben im Grunde mehrere Gänge, möchte ich es mal nennen, wo wir die Türen beispielsweise nach Innentüren sortiert haben, mit Glas, ohne Glas. Wir haben einen eigenen… einen eigenen Bereich für Haustüren. Sortieren dann aber auch in diesem Bereich nach links und rechts angeschlagenen Türelementen. Wir haben einen eigenen Bereich für Sondertüren, beispielsweise Schiebetüren oder Drehtüren.

**Moderator:** Doch bei aller Systematik: Immer wieder muss David Bloos Entscheidungen treffen. Entscheidungen, die ihm nicht immer einfach fallen – zwischen historischer Massenware und besonderen Fundstücken.

**David Bloos:** Brauche ich die 120. lackierte weiße Zimmertüre oder habe ich stattdessen einen Platz frei für eine Haustüre aus der Schweiz, ein Unikat, handwerklich hochwertig hergestellt? Also, diese Fragen begleiten mich tagtäglich im Bereich des Materialeinganges. Und wir haben auch begrenzte Lagerflächen. Wir haben zwar 2.000 Quadratmeter, aber die sind… die sind schon gut gefüllt.